Bertold Brecht - Von der Freundlichkeit der Welt

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Von der Freundlichkeit der Welt (Bertold Brecht 1921)

Auf die Erte voller kaltem Wind
Kamt ihr alle als ein nacktes Kind.
Frierend lagt ihr ohne alle Hab
Als ein Weib euch eine Windel gab.

Keiner schrie euch, ihr wart nicht begehrt
Und man holte euch nicht im Gefaehrt.
Hier auf Erden wart ihr unbekannt
Als ein Mann euch einst nahm an der Hand.

Von der Erde voller kaltem Wind
Geht ihr all bedeckt mit Schorf und Grind.
Fast ein jeder hat die Welt geliebt,
Wenn man ihm zwei Haende Erde gibt.

Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands, machte er uns selig (Titus 3,4).


Berthold Brecht hat das Gedicht 1921 geschrieben. Die Erinnerungen an den 1. Weltkrieg sind noch frisch, das Lebensgefühl der Menschen seiner Zeit hat sich im Text niedergeschlagen. Es ist ein Auftragswerk. Brecht ist gebeten worden, drei Gedichte zu schreiben, was für ihn Weihnachten bedeutet. Ein typisches Brecht–Gedicht. Er beschreibt die Welt ehrlich, ohne Schnörkel, unsentimental, ohne Geheimnis, ohne Gefühlsüberschwang.

Mancher mag sich an dieser Art stoßen, weil es so unweihnachtlich wirkt, nichts von stiller, heiliger Nacht, von süßen Glocken, die klingen und leise rieselndem Schnee. Auch nicht jauchzet, frohlocket oder Christus, der Retter ist da.

Die Transzendenz, der Himmel, die Welt des Glaubens war Brechts Sache nicht. Dazu hat er sich ziemlich deutlich bekannt. Damit wollte er sich nicht vertrösten lassen. Ich nehme das Leben an, wie es ist und muss damit zurecht kommen, hat er gesagt. Im Gegensatz zu den Idealisten, die an ein Ideal glauben, war Brecht stolz darauf, ein Realist zu sein, zu sehen, statt zu glauben, zu wissen statt zu hoffen.

So kann Brecht auch bei seinem Auftragswerk über Weihnachten nur von der Freundlichkeit der Welt schreiben. Doch auch diese Freundlichkeit ist bedroht. Die Welt begegnete dem Menschen eher unfreundlich und feindlich: kalter Wind schon bei der Geburt und kalter Wind am Ende beim Sterben. Nackt und frierend sind wir dem ausgesetzt, schutzlos und um das Überleben kämpfend.

Auch im menschlichen Miteinader spüren wir eher die Kälte. Keiner, der nach uns schreit. Wir sind nicht gewollt, müssen uns unser Daseinsrecht erkämpfen. Und am Ende gehen wir aus der Welt, gezeichnet von Schorf und Grind, verletzt und verschlissen, und nicht mehr als zwei Hände Erde wirft man uns nach.

Brecht ist sich bewusst, dass wir als Menschen anderes suchen und brauchen: die Freundlichkeit der Welt. Sie zeigt sich in der Mutter, die das Kind versorgt und pflegt, im Vater, der dem Kind die Hand reicht, es beschützt und führt, bei jedem einzelnen, der in Liebe zu Welt lebt, trotzdem sie ihm so fremd und feindlich gegenübersteht.

Humanität, menschliches Verhalten macht die Freundlichkeit der Welt aus, will Brecht sagen. Wer so lebt, hat in diese Welt etwas an Wärme und Lebensmöglichkeit hineingebracht. Und das ist gut so. Das macht für Brecht Weihnachten aus, das ist für Ihn die Aufgabe dieses Festes.

Brecht will nichts verklären, sentimental verschleiern oder pseudoreligiös umdeuten. Wer Brecht mag, mag genau das an ihm und wer sich an ihm stößt, muss aufpassen, ob seine Kritik nur eine Flucht vor diesem Realismus ist, dem sich Brecht verpflichtet sieht.

Die Kritik an Brecht kann nicht lauten: so, wie du es siehst, ist die Welt nicht So schlimm ist es gar nicht. Vielleicht empfinden wir es als nicht so krass, weil unser Wohlstand uns mehr Freundlichkeiten beschert als den Menschen nach dem 1. Weltkrieg.

Die Kritik an Brecht muss heißen: du siehst die Welt, nur die Welt, nur deren Freundlichkeit und bleibst dabei stehen.

Das will Brecht so, aber damit entgeht ihm eine wesentliche Option für das Leben, entgehen ihm die Kraft und der Trost des Glaubens, entgeht ihm die Humanitas Gottes, die zu Weihnachten gekommen ist und die sich in unserem Leben auswirken möchte.

Wenn die Welt mir vermittelt, da ist keiner, der nach dir schreit, dem du am Herzen liegst, sagt die Weihnachtsbotschaft: Doch! Gott kommt zu dir. Du bist ihm so wichtig, dass er selbst zum Menschen wird. Um mit Brechts Worte aufzunehmen: Gott schreit nach mir, seine Freundlichkeit und Menschenliebe begehrt mich, will nicht ohne mich sein. Er will, dass mein Leben ausgefüllt wird, will meine Verletzungen heilen, meine Seeler Frieden geben.

Und am Ende soll man mir nicht nur zwei Hände Erde nachwerfen, sondern nimmt er mich auf in sein Reich, ererben wir sein ewiges Leben, wie es im Predigttext heißt.

Brecht würde dazu sagen: das bildest du dir nur ein, das ist Illusion. Mag sein, dass man mit dieser Illusion gut leben und sterben kann, ich aber will mir nichts vormachen, ich will ehrlich, realistisch bleiben.

Was ist Brecht zu entgegnen? Wir werden ihm antworten, dass unser Glaube keine Illusion ist, sondern sich auf eine Geschichte beruft. Gott ist keine Theorie oder Weltanschauung, sondern er ist Mensch geworden. Seine Freundlichkeit ist erschienen. Die Geschichte Jesu lässt sich nicht als Illusion abtun.

Und mit der Lebensgeschichte Jesu hat Gott eine Gegenbewegung in Gang gesetzt, die den Einzelnen und das Gesicht der Welt verändert. Schon in der Weihnachtsgeschichte wird diese Veränderung deutlich:

die ängstlichen Hirten, die sonst immer ausgeschlossne sind, um die sich keiner schert, begegnen der Herrlichkeit Gottes. Sie finden im Kind ihren Heiland. Sie erfahren Wertschätzung und werden zu Lobsängern Gottes, obwohl sie damals nicht einmal am Gottesdienst teilnehmen durften.

Und diese Geschichte, wie die Freundlichkeit Gottes sich auswirkt, geht weiter: da sind die Jünger, die Jesus beruft, die Kranken, die er gesund macht, die Zöllner, die ihr Leben ändern. Da ist Paulus, der vom Christenverfolger zum Christusnachfolger wird. Die Menschenliebe Gottes, die in Jesus sichtbar wird, hat in dieser Welt Spuren hinterlassen. Und sie will bei mir Spuren hinterlassen. Was Brecht Illusion nennt, ist für mich der Glaube, der mich trägt und mein Leben bestimmt, der mir sagt, wie ich über mich denken kann, welchen Sinn mein Dasein hat, welche Ziele sich lohnen.

Davon müsste ich Berthold Brecht erzählen. Und wo ich der Freundlichkeit Gottes begegnet bin, wie ich sie in meinem Leben erfahren habe.

Dass sich die Freundlichkeit Gottes dabei oft durch Menschen vermittelt, tut der Sache keinen Abbruch. Gute Worte, die mich ermutigen, ein Rat, der weiterhilft, Menschen, die sich meiner ganz praktisch annehmen.

Das ist die Freundlichkeit der Welt, würde Brecht einwenden. Ja, sicher, aber deswegen nehme ich es dennoch auch Gottes Hand und danke ihm dafür. Für Menschen die glauben, wirkt Gott auch in dem, was andere ihm tun. Denn dazu ist Gott ja selbst Mensch geworden, um sich in menschlicher Weise zu vermitteln.

Nicht weil es von Menschen kommt und damit erklärbar ist, ist es deswegen ohne Gott. Auf Gott kommt Brecht nur nicht, weil er seine Glaubensentscheidung schon getroffen hat und sie heißt: die Welt ist ohne Gott. Wer von dieser Voraussetzung ausgeht, nimmt Gott in der Welt auch nicht wahr.

Darüber hinaus begegnet mir die Menschenfreundlichkeit Gottes indem ich mich in seine Geschichte vertiefe und sie zu mir sprechen lasse, indem ich mich in den Personen wiederfinde, die zur Krippe gehen, um dort ihren Heiland zu finden. So ist meine Geschichte in dieser Geschichte immer mit enthalten, so berührt mich das, was damals passiert ist, in meiner Gegenwart. Viele Weihnachtslieder beschreiben das: Paul Gerhardt: Eins aber hoff ich wirst du mir, mein Heiland nicht versagen: dass ich dich möge für und für, in bei und an mir tragen. So lass mich doch dein Kripplein sein, komm, komm und lege bei mir ein dich und all deine Freuden.

Oder Angelus Silesius: Wird Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir. So bleibst du ewiglich verloren. Diesen Christus in mir, zu dessen Krippe ich werde, so dass er mit seiner Freundlichkeit und Menschenliebe in mir wohnt, ist mehr als eine Illusion, mehr als der Versuch, mir die Welt mit ihrem kaltem Wind doch noch schön zu reden,

Der Christus in mir ist Zuspruch und Trostwort, gibt Orientierung und Motivation für das Leben hier auf Erden und Hoffnung über das Leben hier hinaus. Die Freundlichkeit Gottes eröffnet einen viel weiteren Horizont als die Freundlichkeit der Welt es vermag.

Das muss man Brecht sagen. Du willst ehrlich sein, aber du siehst zu wenig und du machst dir damit unnötig schwer. Dir geht eine Dimension des Lebens verloren, die unser Dasein reich macht, die Dimension der Humanitas Gottes.

Schade, wer sich das entgehen lässt, denn Weihnachten ist mehr als die Freundlichkeiten der Welt erleben, sondern: ist erschienen die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands. Mehr ist nicht nötig, und weniger sollte es nicht sein.

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